Stewardship: Mehr als nur ein Trend – Die Zukunft nachhaltigen Investierens (2. Teil)
24 März, 2025 | Aktuell Allgemein Interviews
Der zweite Teil des Interviews betont die Bedeutung von Stewardship als treibende Kraft für positive Veränderungen in Unternehmen, insbesondere in Bezug auf Klima- und Sozialfragen. Ein langfristiger, strategischer Ansatz mit klaren Zielen ist der Schlüssel, unterstützt durch ESG-Daten und direktes Engagement. Während politische Veränderungen in den USA Stewardship vor Herausforderungen stellen können, zeigt Europa Wachstum.
Es wird erwartet, dass sich die Vermögensverwaltung weiterentwickelt und für nachhaltige Investitionen weiterhin von zentraler Bedeutung ist. Stewardship bedeutet, dass Investoren nicht nur ihr Geld in Unternehmen investieren, sondern sich aktiv in deren Geschäftsführung einbringen. thebrokernews spricht mit Marion Ehringhaus, Sustainable Finance Expert bei Wavestone.
Regelmässige Berichte über den aktuellen Stand der Gespräche, einschliesslich Erfolge und Herausforderungen, sind ebenfalls von Bedeutung. Wie können Investoren sicherstellen, dass ihre Stewardship-Aktivitäten tatsächlich zu positiven Veränderungen in Unternehmen führen?
Um wirksames Stewardship zu gewährleisten, ist eine strategische und langfristige Herangehensweise entscheidend. Zunächst sollten klare und realistische Ziele definiert werden, die kontinuierlich überwacht werden. Um Unternehmen bei der Umsetzung von Verbesserungen zu unterstützen, ist es hilfreich, Best-Practice-Beispiele aus dem Industriesektor zu nutzen und den Austausch mit Unternehmen zu fördern, die bereits erfolgreich ähnliche Herausforderungen gemeistert haben. Ein langfristiges Engagement ist unerlässlich, um nachhaltige Veränderungen zu erreichen. Es ist kontraproduktiv, Themen und Unternehmen jährlich willkürlich zu wechseln.
In Anbetracht des aktuellen politischen Umfelds wird es spannend zu beobachten sein, ob alle aktiven Stewardship-Teilnehmer ihre Bemühungen konsequent fortsetzen werden. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Investoren sich nicht von kurzfristigen Schwankungen oder politischen Unsicherheiten entmutigen lassen, sondern langfristig an ihren Stewardship-Zielen festhalten.
Welche Bedeutung hat Stewardship bei der Bewältigung globaler Herausforderungen wie Klimawandel und sozialer Ungleichheit?
Wenn man als Investor oder Anleger direkt etwas bewirken will, müsste man eigentlich in Impact Fonds investieren, die aber ein erhöhtes Liquiditätsrisiko beinhalten. Da jedoch die meisten Menschen ihre Anlagen in börsennotierte Unternehmen investieren, ist Stewardship der beste Weg, um die Anpassung der Unternehmen an den Klimawandel und die Verminderung des CO2-Ausstosses zu beeinflussen. Stewardship kann auch soziale Aspekte positiv beeinflussen, etwa indem es zur Bekämpfung von Kinderarbeit im Rohstoffabbau oder auf Kakaoplantagen beiträgt und die Einhaltung von Menschenrechten in der Produktion von Gütern fördert. Die Bedeutung zeigt sich darin, dass mehrere amerikanische Unternehmen keine Geschäfte mehr mit Banken, Pensionskassen und Fondsmanagern machen, wenn diese Nachhaltigkeitsziele für ihre Investitionen fordern. Daraus ist ersichtlich wie einflussreich Voting und Engagement sein kann.
Wie sehen Sie die Zukunft von Stewardship – wird es sich weiterentwickeln oder an Bedeutung verlieren?
In den USA wird unter dem Deckmantel der «Demokratisierung der Stimmrechte» die Macht des Votings als Pool von Anlegern gerade bewusst gebrochen. Sie wollen es jedem einzelnen Fondsinvestor ermöglichen, selbst zu entscheiden, wie er abstimmen will, d.h. wahrscheinlich werden bald alle Republikaner eine Anti-ESG-Abstimmungsrichtlinie wählen, damit den Einfluss schmälern und den weiteren CO2-Austoss und Klimawandel anheizen. In Europa, besonders in der Schweiz, wächst das Thema noch stark. Wie ernsthaft Shareholder und Investoren in Europa den Klimawandel und Nachhaltigkeit wirklich angehen, wird sich in den nächsten Monaten und Jahren zeigen. Da wage ich keine Prognose, sondern nur eine Hoffnung, dass es weitergeht, vor allem bei amerikanischen Unternehmen. Auch die Nachhaltigkeitsindizes von MSCI, DJ, S&P sollten die Schwellenwerte nicht senken, sondern entschieden die Unternehmen aus dem Index nehmen, die den Anforderungen nicht entsprechen. Nur das wird die Glaubwürdigkeit der Indices sicherstellen. Gut möglich, dass es nach dem Anti-ESG Backlash in 4 Jahren wieder eine starke Pro-ESG- Bewegung gibt, darauf sollte man vorbereitet sein.
Insgesamt bin ich jedoch zuversichtlich, dass Stewardship eine zentrale Rolle in der Zukunft der Finanzmärkte spielen wird. Es wird sich weiterentwickeln, indem es sich an neue Herausforderungen und Chancen anpasst und von technologischen Fortschritten profitiert.
Welche Rolle spielen ESG-Daten und -Analysen bei der Entwicklung von Stewardship-Strategien?
Grundsätzlich gilt, dass mehr ESG-Informationen dem Anleger erlauben eine qualitativ bessere Entscheidung über seine Anlagen zu fällen und Risiken zu minimieren. Je mehr man über das investierte Unternehmen erfahren kann, desto besser und massgeschneiderter können auch die Engagement-Ziele und Erwartungen formuliert werden. Um Stewardship-Washing zu verhindern, müssen die Abstimmungsergebnisse sowie die Enagement-Aktivitäten publiziert werden, damit externe Analysen zur Glaubwürdigkeit gemacht werden können. Im Vergleich zu anderen Anlageansätzen ist Stewardship weniger auf Daten angewiesen. Vieles kann auch interaktiv im Gespräch mit dem Unternehmen geschehen und trotzdem wirksam sein, auch wenn die Datengrundlage dürftig ist. Häufig ist eine der Anforderungen von Engagement mehr Daten und Transparenz zu produzieren.
Wie können Investoren, insbesondere kleinere, Stewardship in ihre Anlagestrategie integrieren?
Wichtig ist: auch kleinere Investoren können Stewardship effektiv in ihre Anlagestrategie integrieren. Dafür ist die Zugehörigkeit zu einem Investorenpool bei Ethos, ISS, Glass Lewis, Inrate etc. sinnvoll. Das erhöht ihre Durchschlagskraft und ermöglicht es ihnen nicht nur auf regionaler, sondern auch auf globaler Ebene abzustimmen. Im Engagement können kleiner Investoren entweder auch einem Pool beitreten und die Aktivitäten an einen Anbieter delegieren oder aber sie können sich konkret um ein Thema selbst kümmern, indem sie z.B. mit Climate Action, Nature Action oder FAIRR gemeinsam und kollaborativ zusammenarbeiten.
Durch diese Strategien können auch kleinere Investoren einen bedeutenden Beitrag zum Stewardship leisten und ihre Anlagestrategie nachhaltiger gestalten.
Welche Tipps haben Sie für Investoren, die erstmals mit Stewardship beginnen möchten?
Für Investoren, die erstmals mit Stewardship beginnen möchten, ist es ratsam, Voting und Engagement von Anfang an zu kombinieren. Gerade zu Beginn braucht es Unterstützung, um die Ambitionen und Ziele festzulegen und gegebenenfalls den optimalen Partner zu selektieren. Ob aber zuerst nur im eigenen Land, in Europa oder gleich auf globaler Ebene abgestimmt und engaged werden soll, muss individuell entschieden werden. Wenn man alles extern delegiert, kann man es sehr «lean» aufsetzen und braucht keine zusätzlichen Ressourcen. Der Betreuungsaufwand wäre dann ungefähr bei einem 20-50 %-Pensum mit einer intensiveren Zeit während der Abstimmungsphase im ersten Halbjahr. Wenn man es besonders ernst damit meint, braucht es aber 1-2 dedizierte Ressourcen, um das Thema kontinuierlich zu betreuen.
Wie können Unternehmen besser auf die Erwartungen von Investoren im Rahmen von Stewardship eingehen?
Drei Punkte gelten generell:
- Es ist wichtig, dass Unternehmen, mit denen man den Dialog aufnimmt, verstehen, dass Stewardship nicht nur eine Frage der Einhaltung von Vorschriften ist, sondern auch eine Chance, langfristige Werte zu schaffen.
- Unternehmen sollten sich bemühen, eine Kultur der Nachhaltigkeit zu schaffen, die von allen Mitarbeitern getragen wird.
- Die Nutzung von anerkannten Rahmenwerken und Standards hilft Unternehmen dabei, eine transparente Struktur und Prozesse zu schaffen und diese zu dokumentieren.
Es gibt tatsächlich Unternehmen, die auf ihre Investoren proaktiv zugehen und das Engagement von sich aus starten. Wenn Unternehmen jedoch von externen Investoren angesprochen werden, sollten die Gespräche ernsthaft und gut vorbereitet geführt werden. Es ist wichtig, dass getroffene Vereinbarungen eingehalten und regelmässig Fortschritte mittgeteilt werden. Auch könnten die Unternehmen untereinander proaktiver in den Austausch gehen, um sich Best Practices im Umgang mit Nachhaltigkeit zu teilen. Das Ziel sollte es sein zu der Gruppe der Best Practice Unternehmen in dem jeweiligen Industriesektor zu gehören, damit sie nicht länger zu den Nachzüglern in Bezug auf Nachhaltigkeit gehören. Unternehmen, die nachhaltige Geschäftspraktiken nachweisen können, verbessern nicht nur ihre Reputation, sondern erhalten auch Investitionen von nachhaltig orientierten Anlegern. Sie steigen in Nachhaltigkeitsindizes auf und werden zu bevorzugten Unternehmen für Nachhaltigkeitsfonds.
Marion Ehringhaus ist eine Pionierin im Bereich Sustainable Finance. Ihre Expertise erstreckt sich von ESG-Investitionen und -Daten über nachhaltige Beratungsprozesse bis hin zur Entwicklung von Net-Zero-Roadmaps. |
Der erste Teil dieses Interviews erschen am 21. März 2025.
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